Vollständige Geschichte

Das Bootshaus und die Entwicklung des Wassersports in Jeßnitz

Der damals noch Ruder-Club e. V. wurde 1922 gegründet.
Die Firma Biermann, Jeßnitz überließ dem Verein das Grundstück an der Mulde an der Straße nach Roßdorf, welches damals zum größten Teil als Unland galt, da es schon bei einem höherem Wasserstand der Mulde überschwemmt wurde.
Man errichtete nahe der höher gelegenen Straße, auf einer breiten Grundmauer mit 32 Stützpfeilern, einen Fachwerkbau für die Unterbringung der anfangs 6 Ruderboote. An der Bootshalle befanden sich ein Clubraum mit Kleinküche, sowie Umkleideräume mit Spinten für Damen und Herren, ein WC und ein Abstellraum.
Im Jahr 1926 fand die Einweihung des Bootshauses statt. Die Mitglieder waren mehr oder weniger „prominente“ Bürger der Stadt, wie Geschäftsleute, Fabrikbesitzer, Doktoren, Lehrer, Handwerksmeister und deren Kinder.
Die Arbeitersportvereine, wie Männerturnverein mit dem Stammlokal „Kühler Morgen“ oder „Freie Turner“ im Volkshaus bildeten eigene Sparten des Wassersports. Es waren Paddler mit ihren anfangs selbst gebauten Holzbooten und später Faltbooten. Ihre Bootsschuppen lagen an der Mulde, einmal im ehemaligen Fabrikgebäude Plaut & Schreiber und einer ehemaligen Gärtnerei gegenüber der Muldinsel II.
Diese Arbeitersportvereine wurden 1933 verboten und die Boote beschlagnahmt. Nach knapp einem Jahr wurden die Boote unter der Bedingung freigegeben, dass sich die Wassersportler dem „Reichsbund für Leibesübungen“ (nationalsozialistischer Sportbund) anschließen würden. Auch der Ruderclub war diesem Sportbund unterstellt worden.
Nach längerem Verhandeln erlaubte man schließlich, dass aus eigenen Mitteln ein längerer Anbau westlich des Bootshauses auf dem Grund und Boden der Familie Lange errichtet werden konnte. Durch der vielen Hände Arbeit, es halfen über 50 aktive Sportler mit, wurde der Anbau noch im Herbst 1934 fertiggestellt. So konnten die etwa 30 Holz- und Faltboote untergestellt werden.
Durch die Überzahl der Paddler änderte sich auch das Milieu im Verein und es bildete sich die „vielgepriesene Volksgemeinschaft“.
In den letzten Jahren des Krieges wurden die Räumlichkeiten gebraucht. Man nahm die Boote aus den Halterungen und verstaute sie im großen Paddelraum „wild durcheinander“, da der Platz zur Unterbringung einer in Dessau
ausgebombten Firma für Kücheneinrichtungen, Geschirr und Gerätschaften benutzt wurde.
Als dann am 20. April 1945 die Soldaten der Amerikaner die Stadt Jeßnitz besetzten und die Brücken zerstört waren, wurde das Bootshaus mit seinem brauchbaren Inhalt geplündert. Das Warenlager verschwand, Fenster, Türen, Mobiliar und sogar die aus den Wänden gerissenen elektrischen Kabel wurden weggeschleppt.
Als die russische Armee anrückte, bildete die Mulde die vorläufige Grenze. Der gewaltige Flüchtlingsstrom von Ost nach West und auch umgekehrt brachte es mit sich, dass die vorhandenen Boote zum Überqueren der Mulde benutzt wurden. Fast alle Faltboote wurden zerstört oder beschädigt.
Die Russen benutzten die Bootshalle als Wachraum, zum Teil auch als Pferdelazarett. Alle übrig gebliebenen Holzteile, auch Boote und Paddel, fanden im Lagerfeuer ihr Ende.
Der Amerikaner zogen sich in ihre zugeteilte Zone im aufgeteilten Deutschland zurück. Danach wurden behelfsmäßige Flussübergänge gebaut und die Wassersportfreunde konnten die zerstörte Bootshaus-Ruine besichtigen. Zunächst wurden mit Pappen und Brettern die Türen und Fenster provisorisch verkleidet, um das Innere vor der Witterung zu schützen.
Es bildete sich eine Gruppe von Männern und Frauen, die gewillt waren, ihre alte Sportstätte, in der sie bereits viele schöne Stunden verlebt hatten, wieder aufzubauen. Der Antrag, einen Wassersportverein zu gründen, wurde von der russischen Stadtkommandantur abgelehnt (Dokument noch vorhanden). Trotzdem wurden ab August 1945 Beitragsgelder gesammelt, um unumgängliche Ausgaben finanzieren zu können. Auch diese Liste mit den Ausgaben und Einnahmen ist noch vorhanden. Man hatte sich sogar im ersten Quartal 1946 verpflichtet, dass jedes Mitglied im Monat 5 Mauersteine mit zum Bootshaus zu bringen hatte.
Am schlimmsten baufällig war die Ecke vom Paddelschuppen, wo sich beim Herausreißen des Tores das Fachwerk verschoben hatte und die Längsmauer einzustürzen drohte. Selbst das Dach war an dieser Ecke beschädigt worden, so dass die Ecke und die halbe Mauerfront abgerissen und wieder auf dem Fundament aufgebaut wurde. Zum Herstellen des Mörtels wurde aus der Roßdorfer Sandgrube der Sand und der Karbidschlamm von den einzelnen Werkstätten zusammengetragen. Auch waren 8 von den 32 Stützpfeilern umgekippt, da während des Krieges keine Instandhaltungsarbeiten durchgeführt wurden. So wurde nach und nach das Bootshaus soweit wieder hergestellt, dass der nunmehr amtlicherseits genehmigte Verein wieder lebensfähig wurde.
Dieser Aufbau ist deshalb so ausführlich beschrieben, da es Dank dieser kleinen Gruppe von Vereinsmitgliedern heute ein Bootshaus gibt.
Die vielen, vielen freiwillig geleisteten Arbeitsstunden, zum Teil wurden viele Urlaubstage geopfert, beeinträchtigten nicht die frohe, lustige Geselligkeit mit der alles vonstatten ging. Gerade diese schwungvolle Atmosphäre brachte es mit sich, dass sich immer mehr junge Leute am Bootshaus einfanden und schöne Stunden erlebten.
Ein Höhepunkt wurde der Ausbau einer Wohnung am Bootshaus durch die Familie Pfeifer, die ebenfalls aus eigenen Mitteln erfolgte. Natürlich wurden laufend Anträge und Gesuche zur Förderung der Aufbauarbeit nach überallhin gestellt, auch nach Berlin.
Von den geringfügigen Beträgen (bis zu 500,- Mark) seitens der Stadt erhielten wir nun von der Landesregierung Sachsen- Anhalt den Förderungsbetrag von 15170,- Mark für das Haushaltsjahr 1951.
Zu diesem Zeitpunkt war das Bootshaus bereits baulich fertiggestellt, so dass wir die Hälfte des Geldes zur Neuanschaffung von Sportgeräten und den anderen Teil zur Grundinstandhaltung des Daches und der Außenwände verwendeten. Die einzelnen Sportgruppen der Stadt wurden zusammengefasst und als Betriebs-Sportgemeinschaft „Traktor Jeßnitz“ der Landwirtschaftlichen Maschinen-Ausleihstation unterstellt.
In der sportlichen Entwicklung hatten sich interessen- und bootsbedingt zwei Gruppen gebildet: Wanderfahrer und Rennfahrer. Anfangs waren die meist älteren Wanderfahrer in der Überzahl, aber durch die Anschaffung von Rennbooten und den aktiven Trainingsbetrieb fanden immer mehr Jugendliche zum Kanusport. Die unterschiedlichen Interessen beider Gruppen führten oft zu heftigen Diskussionen.
Nicht nur die Urlaubsfahrten der Wasserwanderer auf allen Flüssen und Seen der DDR, sondern auch der Besuch der Regatten, erst im Bezirk, später dann in der ganzen DDR, machte die Kanuten aus Jeßnitz bekannt, zumal die Rennfahrer auch bei den größeren Regatten in Dresden, Magdeburg, Rostock oder Berlin immer an der Spitze zu finden waren.
Nicht zuletzt durch das gesellige, frohe Leben und Treiben am Bootshaus wuchs die Mitgliederzahl von Jahr zu Jahr. Die jährlichen Zuwendungen von der BSG-Traktor deckten die Kosten des immer größer werdenden Sportbetriebs nicht mehr, obwohl alle inoffiziellen, an Regattafahrten
teilnehmenden Mitglieder, die Fahrtkosten selbst trugen. So beschloss die BSG-Leitung, sich dem Großbetrieb „Agfa Wolfen“ anzuschließen.
Als 1955 das 25-jährige Bestehen des Paddelsports in Jeßnitz begangen wurde, war auch der Präsident des Kanusports aus Berlin bei uns zu Gast. Der Mitgliederstand hatte einen Höhepunkt von 184 Mitgliedern erreicht, wobei die Kinder unter 14 Jahren nicht gezählt wurden. Dies waren noch einmal etwa 30 – 40 Vereinsmitglieder.
Die Zuwendungen der Filmfabrik „Agfa Wolfen“ betrugen im Jahr zwischen 30- bis 50-Tausend Mark. Neben den aufwendigen Fahrtkosten wurden Boote, Zelte, Schlafsäcke, Bekleidung usw. angeschafft. Außerdem half die Stadt Jeßnitz bei Ausgaben wie Instandhaltungs- und baulichen Maßnahmen, sowie die Beschäftigung eines halbtäglichen Bootshauswartes. Diese großzügige Unterstützung war durch den großen Erfolg der Jeßnitzer Rennkanuten mit mehreren DDR-Meistern möglich geworden.
Auch die Trainer qualifizierten sich und konnten als halbamtliche bezahlte Funktionäre eingesetzt werden.
Dagegen entwickelte sich der Wasserwandersport rückwärts, nicht nur durch die zunehmende Wasserverschmutzung der Mulde, sondern auch durch Autobesitz und die Möglichkeit zu Auslandsreisen. In den Jahren von 1960 bis 1970 gab es größere Schwierigkeiten in der Sektionsleitung, da staatlich-politische Maßnahmen die bisherige Freizügigkeiten einschränkte und die parteinahe BSG-Leitung sich in die inneren Angelegenheit der Sektion einmischte und bestimmte. Auch eine Namensänderung fand statt: BSG Chemie Jeßnitz, Sektion Kanu. Durch diese äußeren Einflüsse sank die Mitgliederzahl und es fand sich kein neuer Sektionsleiter. Vielmehr bekam ein älterer Sportler den Parteiauftrag diese Funktion auszuüben.
Nach 1970 sah man die entwicklungshemmenden Methoden der Sportführung ein. Die trotzdem leistungsstarken Rennkanuten erreichten, dass Jeßnitz im Bezirksverband als ein Leistungszentrum anerkannt wurde. Durch Vergünstigungen und Bereitstellung vieler Mittel, auch bauliche
Verbesserungen, wie Heizung, Warmwasserduschen und Vergrößerung des Grundstücks und nicht zuletzt durch größere Veranstaltungen entwickelte sich die Sektion Kanu wieder zu ihrer ehemaligen Größe und Leistung, zumal die Direktion der Orwo- Filmfabrik durch direkte gute Verbindungen dem Kanusport fördernd zur Seite stand.
Die vielen neuen Rennboote hatten kaum noch Platz und es musste ein großer Um- und Neubau vollzogen werden. Dieser konnte im Jahre 1980 durchgeführt werden. Ein Fertigteilhaus mit Terasse vervollständigte die schöne, große Sportanlage wie sie heute den vielen Gästen und Einwohnern der Stadt dargeboten wird. Die Großveranstaltungen haben inzwischen die Größe eines Volksfestes mit manchmal bis zu 1000 Gästen, Sportfreunden und Einwohnern.